Synthese von Spontaneität und Struktur
(22.11.2011)
Zwei Ausnahmetalente der Jazz-Szene zu Gast in Gütersloh
Gütersloh. Zwei Ausnahmetalente der amerikanischen Musikszene sind im Rahmen der „JazzNights“ derzeit auf Europatournee. Da lässt sich das Publikum in Gütersloh nicht lange bitten, die Veranstaltung mit dem Brad Mehldau/Joshua Redman Duo im Theater war schon seit geraumer Zeit ausverkauft.
1994, als beide noch am Anfang ihrer Karriere standen, waren sie bereits bei „Jazz in Gütersloh“ zu Gast, geben jedoch nicht zu erkennen, dass sie Erinnerungen damit verbinden. Die Zeit zur Beschäftigung mit der Vergangenheit dürften die beiden in viele Projekte eingebundenen Musiker derzeit nicht haben – man merkt es auch an ihrer Spielhaltung, dieser aufmerksamen, völlig im Hier und Jetzt stehenden Synthese von Spontaneität und Struktur.
Da sieht man etwa Saxophonist Redman am Flügel stehen, mit entrückter Miene im Klang badend, mit geschürzten Lippen Applaus andeutend, während Mehldau in atemberaubender kontrapunktischer Manier seinen musikalischen Gedanken freien Lauf und den Flügel dank präziser Pedalbedienung förmlich singen lässt. Einige solcher Momente gibt es in ihrer Version von „Monk’s Dream“, das sich bei aller vertrackten Harmonik in die Parallelwelt des erdigen Blues versetzt findet. Wenn das Duo nach solchen solistischen Ausflügen wieder zusammenfindet, kann in den wenigen Chorussen bis zur sicheren Landung auf dem Schlussakkord eine musikalisch-interaktive Substanz stecken, die für ganze Suiten reichen würde.
Nicht umsonst attestiert man den beiden ein telepathisches Verständnis für einander. Eine so reiche Auswahl an Repertoire haben sie, dass es hier an der neunten Station der Tour zu einer Uraufführung kommt. „Let Me Down Easy“, komponiert von Redman, ist eine intime, weich fließende Ballade, in der der Tenorist nicht zum ersten Mal seine enorme Variabilität des Tons mit rauchzarter Tiefe, heiseren und strahlenden Anteilen der hohen Register zeigt.
Branford Marsalis, der in identischer Besetzung Erfolge feiert, äußerte, dass im Jazz viel zu viele Duos nach zwei Musikern klängen, die so tun, als ob sie zu viert wären. Gelegentlich trifft dies auch auf Redman und Mehldau zu, etwa in den vor populären Wendungen nicht zurückscheuenden Stücken Brad Mehldaus, die er mit quirligen, riffartigen Begleitfiguren unterlegt. Auch die Version des Nirvana-Titels "Lithium" beinhaltet Passagen in einer Dichte, die einem fast den Atem nimmt, gerät aber zum Glanzstück durch die gewitzt-subtile Übersetzung in archaisches New Orleans-Idiom, Mehldaus schon aberwitzige Improvisation in chansonesk eng gesetztem Leierkasten-Sound und Redmans rhythmisch packendes Solo. Mit leichtem Ansatz, fast beiläufig spielt dieser dann ein rasantes Bebop-Thema an, erstaunlich zurückhaltend begleitet vom Pianisten. Das Duo kann flüsterleise mit derselben Eindringlichkeit das Publikum erreichen wie in wuchtigeren Passagen, auf eine herkömmliche Dramaturgie des Auftritts lassen sich die Improvisatoren nicht ein.
Man kann darüber Raum und Zeit vergessen, jedenfalls sah sich der vermeintliche Insider nach gut eineinhalb Stunden mit der Frage konfrontiert, ob dies die Pause oder schon der Schluss sei.
Rainer Schmidt, Neue Westfälische, 22.11.2011
Ovationen für risikofreudiges Duo-Konzept
(22.11.2011)
Gütersloh (gl). Die beiden amerikanischen Jazzmusiker Joshua Redman und Brad Mehldau haben sich am Samstag im ausverkauften Gütersloher Theater mit einer kammermusikalischen Darbietung der Meisterklasse stehende Ovationen erspielt. Dabei überzeugten sie nicht nur mit ihrer seltenen, über weite Strecken schlichtweg genial interpretierten Duo-Kombination aus Klavier und Saxophon, sondern hatten zudem auch noch ein durchaus riskantes Repertoire im Gepäck.
Das anspruchsvolle Programm setzte sich aus teilweise brandneuen Eigenkompositionen und einigen gewagten Klassikern zusammen, die in dieser Formation auch schnell mal gründlich daneben gehen können. So wagten sich Pianist Brad Mehldau und Saxophonist Joshua Redman nicht nur an den Nirvana-Klassiker „Lithium“ vom legendären „Nevermind“-Album, sondern servierten dem entzückten Publikum zum Kehraus mit „A Night In Tunisia“ von Dizzy Gillespie auch noch einen der Jazz-Standards schlechthin.
Das Risiko, bei diesen beiden Stücken mit der überschaubaren Instrumentierung Schiffbruch zu erleiden oder sich gar dem Original anzubiedern, umgingen die beiden Weltklassemusiker, indem sie die jeweilige Vorlage nach Herzenslust skelettierten und nur an wenigen Punkten kunstvoll wieder zusammenfügten. Dabei ergänzte sich der gewohnt expressiv auftretende Saxophonist Joshua Redman mit seinem introvertierten Partner Brad Mehldau am Flügel geradezu exzellent. Ein solch souveränes musikalisches Verständnis in einem über weite Strecken frei improvisierten Duo-Konzert ist wahrhaftig außergewöhnlich und kennzeichnet die beiden Musiker nicht nur als große Meister ihres Fachs, sondern vor allem als Brüder im Geiste.
Musikalischer Meilenstein
Letzteres mag man zunächst gar nicht vermuten, denn die beiden Protagonisten scheinen auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Charaktere zu sein: Auf der einen Seite der stille Brad Mehldau, der dem Klavier bisweilen jede Note mit schmerzhaften körperlichen Verrenkungen abzuringen scheint. Drei Meter daneben sein gut gelaunter, lässiger Widerpart Joshua Redman, der die Lebensfreude mit jeder einzelnen Note in die Weite des Theatersaals bläst. Womöglich sind es aber gerade diese Gegensätze, die das Duo-Konzept der beiden US-Amerikaner so spannend und abwechslungsreich machen. Das Publikum konnte sich jedenfalls gar nicht satthören, spendete nach den zahllosen erstklassigen Soli immer wieder Zwischenapplaus und „erarbeitete“ sich schließlich mit einem für den gemeinen Ostwestfalen doch eher untypischen Begeisterungsausbruch auch noch zwei Zugaben.
Ja, und am Ende standen die meisten der 550 Zuhörer im Theater vor ihren Sitzen und bedankten sich mit stehenden Ovationen für das wohl beste Jazzkonzert in Gütersloh seit Josef Honcias legendärem Abschiedsabend mit dem „Sun Ra Arkestra“. Und das will was heißen.
Collin Klostermeier (Die Glocke, 22.11.11)
Vom Theater direkt in den nächtlichen Äther
(08.03.2011)
Jazz in Gütersloh
Auszug aus "Die Glocke" vom 08.03.2011
Collin Klostermeier
Gütersloh (gl). Premierenstimmung: Die hervorragende Akustik im Gütersloher Theater, gute Produktionsbedingungen und vernünftige Standorte für die Übertragungswagen haben das WDR-3-Team überzeugt, mit seiner traditionsreichen Jazznacht an der Dalke Station zu machen. Am Samstag stellte der Sender in Zusammenarbeit mit „Jazz in Gütersloh“ ein abwechslungsreiches und vor allem abendfüllendes Programm zusammen.
Den Auftakt machte um 20.30 Uhr das Pablo-Held-Trio, gefolgt vom britischen Pianisten Gwilym Simcock in Zusammenarbeit mit dem Cologne Contemporary Jazz Orchestra (CCJO). Der Höhepunkt des Abends startete – dem traditionellen Beginn der Jazznacht entsprechend – erst kurz nach Mitternacht: Das „Trio Triangoli“, bestehend aus der italienischen Sängerin Diana Torto, dem schwedischen Bassisten Anders Jormin und dem britischen Pianisten James Taylor, gab seine Visitenkarte ab – und die Musik aus dem Gütersloher Theater ging live in den Äther.
Taylor stellte die Verbindung zwischen den drei Formationen her, denn die beiden jungen Pianisten Pablo Held und Gwilym Simcock waren in ihrer Ausbildung beide ein Jahr lang bei ihm in die Lehre gegangen. Um sowohl die Live-Übertragung reibungslos über die Bühne zu bringen als auch die beiden Konzerte davor in Radio-Qualität mitzuschneiden, war der WDR mit zwei Übertragungswagen und einem mobilen Studio in Gütersloh vorgefahren. Die Live-Situation, aber auch der unbekannte Spielort setzten sogar die Radioprofis unter Hochdruck. Für die Zuschauer und -hörer im fast ausverkauften Saal des Theaters war davon nichts zu spüren.
Im Gegensatz zum Fernsehen arbeitet das Radio nämlich angenehm unauffällig – lediglich die Ansagen des Moderators Michael Rüsenberg vor jedem Konzert deuteten auf die Betriebsamkeit hinter den Kulissen hin.
Den ersten musikalischen Akzent des Abends setzte das Pablo- Held-Trio, das ohne Setlist ganz auf Intuition und musikalische Kommunikation vertraute. Beginnend mit ein paar minimalistischen Piano-Figuren, spielten sich die drei jungen Musiker nach und nach in einen kontemplativen Trancezustand. Anschließend präsentierte Gwilym Simcock im Zusammenspiel mit dem CCJO seine dreiteilige „Hamburg Suite“, die sich durch kraftvolle Bigband-Riffs, extravagante Bläsersoli und einen klassisch inspirierten Klavierteil auszeichnete.
Und in den Pausen sorgte die heimische Formation „4 Transitions“ des Gütersloher Schlagzeugers Markus Strothmann und befreundeter Musiker der Hochschule Enschede für anregende Grooves auf der Studiobühne.
Aus dem Theater direkt in den Äther
(07.03.2011)
Auszug aus "Westfalen-Blatt" vom 07.03.2011
Von Collin Klostermeier
Gütersloh (WB). Die Konzertreihe »Jazz in Gütersloh« hat ihrem Publikum am Samstag einen großen Premierenabend präsentiert: Zum ersten Mal sendete die WDR-3-Jazznacht außerhalb der etablierten Festivals in Berlin, Leverkusen oder Münster ein Jazzkonzert: Pünktlich um 0.05 Uhr ging der Auftritt des Trio Triangoli live aus dem Gütersloher Theater in den Äther.
Das Pablo Held Trio - Pablo Held am Klavier, Jonas Burgwinkel am Schlagzeug und Robert Landfermann am Bass - eröffnet die Nacht.
Die hervorragende Akustik im Theater, gute Produktionsbedingungen und vernünftige Standorte für die Übertragungswagen hatten das WDR-3-Team überzeugt, mit der Jazznacht in Gütersloh Station zu machen. Dafür stellte der Radiosender in Zusammenarbeit mit »Jazz in Gütersloh« ein abwechslungsreiches, vor allem aber im Wortsinne abendfüllendes Programm zusammen.
Den Auftakt machte um 20.30 Uhr das Pablo Held Trio, gefolgt vom britischen Pianisten Gwilym Simcock in Zusammenarbeit mit dem Cologne Contemporary Jazz Orchestra (CCJO). Der Höhepunkt des Abends startete - dem traditionellen Beginn der Jazznacht entsprechend - erst kurz nach Mitternacht: Das Trio Triangoli, bestehend aus der italienischen Sängerin Diana Torto, dem schwedischen Bassisten Anders Jormin und dem britischen Pianisten James Taylor. Dieser stellte auch die Verbindung zwischen den drei Formationen her, denn die beiden jungen Pianisten Pablo Held und Gwilym Simcock waren in ihrer Ausbildung beide ein Jahr lang bei James Taylor »in die Lehre gegangen«.
Um sowohl die Live-Übertragung reibungslos über die Bühne zu bringen als auch die beiden Konzerte davor in Radio-Qualität mitzuschneiden, war der WDR mit zwei Übertragungswagen und einem mobilen Studio in Gütersloh vorgefahren. Die Live-Situation, aber auch der unbekannte Spielort setzten selbst die Radioprofis unter Hochdruck, der allerdings für die 300 Zuschauer im fast ausverkauften Saal des Theaters überhaupt nicht zu spüren war. Im Gegensatz zu den Kollegen vom Fernsehen arbeitet das Radio nämlich angenehm unauffällig.
Den ersten musikalischen Akzent des Abends setzte das Pablo Held Trio, das ohne Setlist ganz auf Intuition und musikalische Kommunikation vertraute. Beginnend mit ein paar minimalistischen Piano-Figuren, spielten sich die drei jungen Musiker nach und nach in einen kontemplativen Trancezustand, der weder Ansagen noch eine Pause zwischen den Stücken zuließ. Anschließend präsentierte Gwilym Simcock im Zusammenspiel mit dem CCJO seine dreiteilige »Hamburg Suite«, die sich durch kraftvolle Bigband-Riffs, extravagante Bläsersoli und einen klassisch inspirierten Klavierteil auszeichnete.
Schließlich zeigte die Uhr 0.05 - Zeit für die Live-Übertragung, in der nun auch das Publikum eine tragende Rolle innehatte: Es galt, vor dem Konzert einen kräftigen Applaus zu den Radiohörern zu schicken, was die Gütersloher mit Bravour meisterten.
Die anschließende Live-Übertragung muss bestens geklappt haben, denn WDR 3 Redakteur Bernd Hoffmann kündigte noch am Sonntagmorgen an, auch im März 2012 wieder eine WDR-3-Jazznacht aus Gütersloh produzieren zu wollen.
Bühnenfrischer Jazz
(07.03.2011)
WDR-Nacht im Theater Gütersloh mit aufstrebenden Talenten
Auszug aus "Neue Westfälische" vom 07.03.2011
VON RAINER SCHMIDT
Gütersloh. Über Sechs Stunden ab Mitternacht erstreckt sich eine der bewährten WDR-Jazznächte. Und diese Länge erreichte der Abend, bei dem das als Konzerthaus genutzte Gütersloher Theater das Material für die mit aufgezeichneten Schätzen aus den Urgründen der Gütersloher Jazzreihe angereicherte Sendung bühnenfrisch liefern sollte, ebenfalls.
Die Sendeanstalt, die die Nacht gemeinsam mit dem ORF organisiert hatte, legte den Fokus auf aufstrebende Talente des europäischen Jazz und befand sich damit auf gemeinsamer Linie mit den Jazz-in-Gütersloh-Veranstaltern. Dennoch war der Publikumsandrang deutlich stärker als bei den regulären Terminen der Reihe. Mit großem Hallo wurden viele unverabredete Begegnungen im sich füllenden Saal begangen.
Auf eine Karriere voller Höhepunkte kann der britische Pianist John Taylor zurückblicken und hat immer Appetit auf Neues. Mit der international noch kaum bekannten italienischen Sängerin Diana Torto und dem schwedischen Bassisten Anders Jormin ist er eine musikalische Dreiecksbeziehung eingegangen. Das Trio Triangoli kostet Stimmungen genüsslich aus, lässt sich aber ebenso auf Brüche und spontane gegenseitige Herausforderungen ein.
Die lyrisch-hochemotionale, ungemein klangfarbenvariable Pianistik Taylors trifft auf Jormins fließenden, nur scheinbar abgeklärt gespielten Kontrabass, die schon einen Gesang an sich darstellt und dennoch reibungslos harmoniert mit Tortos tiefgründig-klarer Stimme, die sie sensibel am poetischen Gehalt der Texte orientiert. Was zimperliche Hörer bei der WDR3-Ankündigungssendung zum Weiterschalten bewogen haben mag, macht auf der Bühne Spaß, auch zu vorgerückter Stunde.
Das Bühnenprogramm eröffneten die mit Lob und Preisen in letzter Zeit überschütteten, ohne jegliche Risikoscheu verspielten Musiker des Pablo Held Trio. Eine offene Form ohne feste Stückeabfolge ließ beim Ausreizen ihrer instrumentalen Möglichkeiten oft klare Linie und fällige Ausformulierungen der erfrischenden improvisatorischen Ansätze vermissen.
Große solistische Freiheiten für die Musiker einer Bigband und ein intelligent verschachtelter, kompositorischer Aufbau gehen Hand in Hand bei Gwilym Simcocks „Hamburg Suite“, die der walisische Pianist mit dem Cologne Contemporary Jazz Orchestra unter Leitung von Jürgen Friedrich aufführte. Das Stück kommt sofort zur Sache und steigerte gleich das Tempo.
Neben kleinen, aus dem Satz ausgeführten solistischen Beiträgen gab es einige größere, die sich Zeit nahmen fürs Aufspannen intensiver nächtlicher Stimmungen und sogar Echos von Satzinstrumenten zuließen. Einige Besucher, die die Originalfassung mit der NDR-Bigband miterlebt hatten, sahen die Solo-Leistungen des CCJO als Aufwertung des gesamten Werkes.
Doch zum Fachsimpeln blieb in den Pausen kaum Zeit, wollte man die aufgeheizte Jazzclub-Atmosphäre, die 4 Transitions auf der Bühne entfalten konnten, miterleben. Kräftige moderne Grooves und frische Sichtweisen junger europäischer Komponisten auf den Jazz standen beim glänzenden Zusammenspiel des Gütersloher Schlagzeugers Markus Strothmann und Dozenten der Enscheder Hochschule im Vordergrund.
Sonnenaufgang mit Bass und Oud (NW 3/10)
(12.04.2010)
Avishai Cohens ›Aurora‹ macht den Jazz-Auftakt im neuen Theater / von Rainer Schmidt
Man hätte kaum eine bessere Gruppe als Avishai Cohens Quintett mit seinem Sinn für dramatische Dynamik und filigrane Klangästhetik finden können, um das Theater als neue Spielstätte für den Jazz in Gütersloh zu erproben. Wer einen Platz nah am Bühnengeschehen ergattern konnte, wurde bei leisen, intimen Soloparts von Klangreflektionen abgelenkt, die allerdings im eigentlichen Parkett und auf den Rängen fehlen.
Dort verbreitete die Band, die neben dem typischen Jazzinstrumentarium vielfältige orientalische Klangfarben nutzt und mit den ausdrucksstarken Stimmen des Bandleaders und der hinreißenden Sängerin Karen Malka oft den Gesang in den Mittelpunkt stellt, Genuss pur.
Eine tänzerische Qualität geht von den Kompositionen und Bearbeitungen alter Folkthemen aus, die der 39-jährige Bassist, der eine bemerkenswerten Aufstieg in der Jazzszene New Yorks erlebt hat, auf die Bühnen bringt, seit er 2004 wieder in sein Heimatland Israel übersiedelte. Zu gleichen Teilen gegründet auf die Musiktraditionen der osteuropäischen Juden und Cohens sephardischen Ahnen umarmt die Musik wie selbstverständlich nahöstliche Melodik und ihren schlanken, leichtfüßigen Puls sowie lateinamerikanische Einflüsse und deftige Jazzgrooves, transportiert somit die Vision eine globalen musikalischen Verständnisses ohne kulturelle und nationale Schranken.
Bei seinem Gütersloher Debüt spielte sich Cohen erfreulich selten in den Vordergrund. Wenn doch, so zeigten seine Solobeiträge vollendete Balance zwischen aberwitzigem Spieltrieb und Beschränkung auf das musikalisch Essentielle. In einem langen Intro unterzog der Bassist Zitate von Bach bis Beatles einem Schleudergang, begann schließlich, wie beiläufig einen simplen Takt auf der Schulter des Basses mitzuklopfen, was sich in allmählicher Steigerung wie ein Duett mit einem Perkussionisten anhörte. Mit immer wieder überraschenden Wendungen im Zusammenspiel erfuhr der zweistündige Auftritt eine dramaturgisch ausgefeilte Zuspitzung. Auf das mediterran extrovertiert groovende »Ma Li Vela« in dem die Musiker sich die Bälle zuspielten, auch das Publikum miteinbezogen, dabei die rhythmische Intensität über alle Brüche hinweg auftrecht erhaltend, folgte ein schwerelos träumerisches Beispiel der weit ausschwingende Melodiebögen, die Cohen seinen Stücken gerne mitgibt, glänzend lyrisch ausgeformt vom blutjungen Pianisten Shai Maestro. Beim Heraustreten in die lichtdurchflutete Halle drängte sich das Wort vom »großen Kino« auf.
Gütersloher Zeitung, Dienstag 30. März 2010
Aurora-Projekt trifft mitten ins Herz (WB 3/10)
(12.04.2010)
Israelischer Bassist Avishai Cohen lockt 300 begeisterte Besucher in das Gütersloher Theater / von Collin Klostermeier
Stehende Ovationen im neuen Theater: Der israelische Bassist Avishai Cohen präsentierte dem Gütersloher Publikum am Freitagabend mit seinem »Aurora«-Projekt ein elektrisierendes Konzert und sorgte damit für den bislang beeindruckendsten Abend der neuen Konzertreihe »Jazz in Gütersloh«.
Mehr als 300 Gäste waren ins neue Theater gekommen und hatten für dieses Konzert mitunter weiter Anfahrtswege in Kauf genommen - außer in Gütersloh stand nur noch ein weiteres Konzert in Deutschland auf dem Tourneeplan. Die Reise dürfte jedoch niemand bereut haben, denn die folgenden 90 Minuten hatten es in sich: Avishai Cohen verband in seinem langen Set musikalische Einflüsse des mittleren Ostens und seiner Heimat Israel subtil mit den Harmonien der modernen Jazzmusik und überzeugte dabei nicht nur mit einem unglaublich variablen Spiel am Kontrabass, sondern vor allem mit seiner eindringlichen, warmen Stimme.
Doch der Konzertabend wurde nicht allein vom immensen Talent und der großen Ausstrahlung des Bandleaders, sondern ebenso von den erstklassigen Fähigkeiten seiner Bandmitglieder getragen: Shai Maestro am Klavier, Itamar Doari an den Percussioninstrumenten, Amos Hoffmann an Oud und Gitarre sowie der ausdrucksstarken Sängerin Karen Malka. Zusammen bildeten diese fünf Musiker eine perfekte Einheit, die den Jazz und die die kulturelle Vielfalt der Musik des Nahen Ostens zu einer neuen, einmaligen Kunstform destillierte, die dem Publikum an diesem Abend tief unter die Haut zu gehen schien.
Eine besondere Rolle nahm dabei der Gesang ein, den Avishai Cohen erst vor wenigen Jahren in sein Repertoire aufgenommen hatte. Im Gütersloher Theater präsentierte sich die Stimme des 40-jährigen Bassisten jedoch von einer so großen Qualität und emotionalen Tiefe, als ob er seit früher Jugend ausschließlich Singen würde.
Auch die wunderschönen Duett-Passagen mit Karen Malka (die das Publikum überdies mit einem hochgradig emotionalen Solo beeindruckte) überzeugten ebenso wie das von klassischen Einflüssen geprägte Klavierspiel von Shai Maestro, die virtuose Oud von Amos Hoffmann und die pulsierende Percussionarbeit von Itamar Doari, der die vorlaute Basedrum dankenswerterweise durch das ungleich feinere und dynamischere Cajon ersetzte.
Da sich die fünf Einzelkönner zudem auch noch ohne egoistische Einzelgänge ins Quintett integrierten, war die musikalische Qualität und Originalität dieses Konzertabends schlichtweg herausragend. Avishai Cohen und seine Gruppe hatten es geschafft, die musikalische Botschaft ihres »Aurora«-Projektes direkt an die Herzen des Publikums zu versenden - die begeisterten Standing Ovations lassen vermuten, dass die Nachricht angekommen ist. . .
Artikel vom 30.03.2010